„Liebes Bäsle…“

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„Hierdurch senden wir dir eine Ansichtskarte. Fast jedes Haus in Kalb läßt sich solche machen; kostet auch blos 1 Stück 10 Pf. bei 50 St. abnehmen.“

Was hat es mit dieser Ansichtskartenserie auf sich? Offenbar zog damals ein Fotograf über die Dörfer, der ganze Serien von Abbildungen der einzelnen Anwesen herstellte. Für Kalbensteinberg ist dies jedenfalls belegt, genauso beispielsweise auch für Thannhausen.
Wie die Bemerkung des Absenders dieser Ansichtskarte vom 10. Mai 1911 vermuten lässt, befinden sich tatsächlich heute noch Hausansichten dieser Serie im Besitz vieler Kalbensteinberger Familien (dies gilt vermutlich auch für andere Ortschaften). Die Abbildungen zeigen meist das jeweilige Anwesen und seine Bewohner, die eine gewisse Würde auszustrahlen scheinen. Die heute oft festzustellende Scheu vor dem Fotografiert Werden war damals anscheinend noch unbekannt. Ein Köbler (Kleinbauer) stellte sich gar mitsamt Ochsengespann ins Bild – offensichtlich dessen ganzer Stolz.

 

Die bemerkenswert gute Qualität sowie die scharfe Auflösung der Fotografien sind begründet in den damals üblichen, großformatigen Belichtungsplatten, die so manches Detail sichtbar werden lassen. So werden bei näherer Betrachtung viele Details sichtbar, wie z. B. bei Haus Nr. 34 (Anwesen Müller, „Schmied“) ein Schild mit der Aufschrift „Wohnung des Bürgermeisters“ am Fensterladen oder dem Wegweiser links oben am Hauseck, der nach Fünfbronn die Wegstrecke von 1,5 km anzeigt.

Schmiede um 1909 kl  (Orig. TM)

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Es dürften dies für eine Ortschaft wie Kalbensteinberg die ersten umfangreicheren Abbildungen seiner bäuerlichen Häuser und der Bevölkerung überhaupt sein. Diese Ansichtskartenserie stellt mit ihrer Entstehungszeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg ein wertvolles Zeitdokument für die Ortsgeschichte dar. Durch den glücklichen Fund jener Karte im Hause Schönwald (Kalbensteinberg) wurde das Rätsel um die Entstehung dieser Postkartenserie nun also ein Stück weit gelüftet. Der Fotograf allerdings muss leider weiterhin unbekannt bleiben.

Diese Serie sei vielleicht auch eine Anregung für Hobbyfotografen, ein solches Projekt – gut 100 Jahre nach der Entstehung der Fotoserie – zu wiederholen. Sehr reizvoll wäre eine Gegenüberstellung der alten mit heutigen Ansichten, vielleicht in einer Ausstellung?

Thomas Müller

[Abbildungen: Archiv Friedrich Wißmüller]

 

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Liebes Bäsle!

Hiedurch senden wir dir eine
Ansichtskarte. Fast jedes Haus
in Kalb läßt sich solche machen;
kostet auch blos 1 Stück 10 Pf. bei
50 St. abnehmen. Bist doch
gesund? Wie gehts immer?
Schreibe nur auch bald, wir
vergessen dich nicht gleich. Nr. 1
ist Sofia 2. Fritz, 3. Luis 4
Hermännli 5 Gergla. Bleibt
gesund. Unter vielen Grüßen
von uns Allen.
dein Vetter & Base
G. & M. Raab

Kalb, 10
Mai 1911.

(Original-Text PK von 1911 mit Motiv Anwesen Schönwald, Bestand Daniel Schönwald)
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