Zur Kirchwey ein Mayenbaum

Das Kirchweihbrauchtum hat in Franken eine lange Tradition, die im Lauf der Jahrhunderte aber auch so manche Veränderung mit sich brachte. Salbücher und Pfarrchroniken erlauben uns einen interessanten Blick zurück in die Vergangenheit unseres Ortes.

Zum Brauchtum in Kalbensteinberg gehörte in den vergangenen Jahrhunderten auch ein Kirchweihbaum, in Franken wegen seiner ursprünglichen Funktion auch „Maibaum“ genannt. Dieser galt als weithin sichtbares Rechtssymbol als Garant für friedlichen Ablauf des Festes. Ähnliche Funktion hatten die Birken vor den Wirtshäusern. Sie dokumentierten Recht und Ordnung in der Gaststube.

Die Eröffnung der Kirchweih begann mit der Verkündung des Friedensgebotes, dem sogenannten Kirchweihschutz, verlesen durch die Herrschaft. Damit wurden die Leute zu Frieden und Einigkeit verpflichtet – unter Androhung schärfster Strafen bei Missachtung. Dieses Zeremoniell wurde erst im Jahre 1806 von der bayerisch königlichen Regierung als ein „Überbleibsel aus dem Mittelalter“ untersagt. Man duldete keine andere politische Gewalt. Die Wahrung hoheitlicher Aufgaben obliege der Polizei.

Doch werfen wir den Blick noch etwas weiter zurück in das Jahr 1650 und die damalige Situation auf dem Lande: Nachdem der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) in unserer Region besonders ab 1632 verheerend gewütet und in manchen Orten über die Hälfte der bäuerlichen Bevölkerung ausgelöscht oder vertrieben hatte, kehrte nach dessen Ende allmählich wieder das Leben in die Dörfer zurück. Die meisten Höfe waren aber mehr oder weniger stark beschädigt, viele völlig verwüstet und „weder Hauß oder Stadel mehr drauffgestanden“, wie ein Kalbensteinberger Salbuch von 1647 verrät.

Einen erheblichen Anteil am Wiederaufbau leisteten die ab Mitte des 17. Jahrhunderts hier verstärkt angesiedelten Flüchtlinge aus Österreich, die wegen dem Festhalten an ihrem evangelischen Glauben aus ihrer Heimat vertrieben worden waren. Der hiesigen Herrschaft kam die Ansiedelung der sog. Exulanten in den durch den Krieg stark ausgebluteten Dörfern sehr gelegen. Die Neuankömmlinge wurde zum Teil mit Kleinkrediten gefördert, um den Aufbau schnell voranzutreiben und damit bei der Obrigkeit rasch die ersehnten Abgaben- und Steuereinnahmen wieder sprudeln zu lassen. In Kalbensteinberg und Umgebung wurden so aus dem österreichischen Waldviertel stammende Familien wie Wißmüller, Steinbauer oder Brechtelsbauer heimisch.

Die Kriegskinder der heimischen Bevölkerung, aber auch die der Vertriebenen hatten vielleicht noch nie eine friedliche Zeit ohne Angst und Vertreibung erlebt. Allmählich wurde mit dem Wiederaufbau eine Art Normalität möglich. So feierte Kalbensteinberg 1650 nach 20 Jahren erstmals wieder seine Kirchweih. Die Beschreibung Johann Andreas Rieters ließt sich beinah rührig (zur besseren Lesbarkeit in aktueller Rechtschreibung): „Nachdem der allmächtige Gott uns den edlen Frieden wieder beschert hat, habe ich im Jahr 1650, den Sonntag nach Mariä Geburt, den 15. September, wie von alters her so Brauch, wieder Kirchweih halten lassen, da zuvor in 20 Jahren keine gehalten worden war, einen neuen Maibaum herbeifahren, setzen und aufrichten lassen, wo er bereits zuvor gestanden hat. Darum tanzen lassen […] und Kirchweihschutz gehalten, ohne Acht, dass des fürstlichen Herrn Markgrafen Albrecht zu Ansbachs Frau, eine geborene Herzogin zu Württemberg, vor etlichen Wochen gestorben war. So war doch alles junge Gesinde der benachbarten Dörfer zugelassen und ein großer Tanz gewesen. Und ich habe den dritten Tag für die jungen Mägde ein Wettlaufen gehalten und dabei etliches Kleinod ausgeworfen. Und es ist alles friedlich und wohl abgegangen.“

Wie wir den Aufzeichnungen von 1650 entnehmen, hatten die Menschen nach diesen entbehrungsreichen Jahren endlich wieder Grund zum Feiern. Und obwohl die Ehefrau des Ansbacher Markgrafen Albrecht II. von Brandenburg-Ansbach, Henriette Luise, erst kurz vorher verstorben war und den Ansbach‘schen Untertanen in den umliegenden Orten Trauer auferlegt worden war, wollte man den jungen Leuten diese Freude nicht untersagen und ließ sie – keine Selbstverständlichkeit in jener Zeit – am Kalbensteinberger Kirchweihtanz teilnehmen.

Wie oben schon erwähnt, sollte der zur „Kirchwey“ am Dorfplatz aufgestellte „Mayenbaum“ einen friedvollen Ablauf des Festes garantieren. In Kalbensteinberg war der Standort des Baumes zwischen Gasthaus zum Lamm, Kirche und Rieterischem Herrenhaus (heute Pfarrhaus). Auf dem Kupferstich von 1759 ist dies – auf den zweiten Blick – dokumentiert. Die Spitze des Maibaums ragt mit seiner Krone über das Dach des Herrenhauses empor (siehe Abbildung).

 

In Kalbensteinberg feierte man die Kirchweih aufgrund des Patroziniums der hl. Maria ursprünglich am Sonntag nach Mariä Geburt (8. September). Im Zuge des intensivierten Hopfenanbaus im späten 19. Jahrhundert gab es allerdings mit der zeitgleichen Hopfenernte und ihren Begleitumständen immer wieder Schwierigkeiten. Bereits 1880 wurde eine angesetzte Kirchenvisitation durch Dekanverweser Lippert u.a. wegen der Erntezeit abgesagt.

Zur Hopfenernte schien, nicht zuletzt aufgrund der vielen auswärtigen Erntehelfer („Hopferploter“), bereits eine Art Ausnahmezustand zu herrschen. Pfarrer Medicus beklagte 1878 zunehmend die Verrohung durch „Trunk, Wohlleben und Spiel“. Mit der Zunahme des „Proletariats“ in der Gemeinde nehme auch das „Stehlen leider immer mehr überhand. Futter auf den Wiesen, Hopfenstangen, Kartoffeln aus den Äckern, Gartengewächse, sogar Schafe aus den Ställen“ seien entwendet worden. „Auch uns Pfarrleuten wird fortwährend allerlei aus Garten, Hof, Hopfengärten entwendt. O‘ welch trauriger Rückgang im ganzen Gemeinde- und Volksleben!“.

Gegen die allwöchentlichen Ausschweifungen und die damit einhergehende abnehmende Arbeitsmoral der jungen Leute wurde in katholischen Gebieten mit der Allerweltskirchweih Abhilfe geschaffen. In den protestantischen Gebieten mag dies nicht in der Weise gelungen sein. Immerhin aber wurde die Kalbensteinberger Kirchweih im Jahreskalender um einen Monat nach hinten verschoben in den Oktober, wo wir sie heute vorfinden.

Thomas Müller

 

Abbildung: Ansicht von Kalbensteinberg um 1759 mit Maibaum (Kreis), Kupferstich von C. M. Roth (Bestand Pfarrarchiv Kalbensteinberg)

Literatur: Manfred Mümmler – Brauchtum, Ausdruck fränkischer Lebensweise, 1985
Quellen: StadtAN D 14 B 46 Sal-, Gült-, Merkbuch 1647-75
PfA60 Pfarrbeschreibung Medicus 1864
PfA64 Chronik des Ortes und der Kirche

2 comments for “Zur Kirchwey ein Mayenbaum

  1. Helmut Schmaußer
    29. September 2015 at 13:55

    Liebe Bürgerinnen und Bürger von Kalbensteinberg,
    lieber Thomas,

    ich wünsche Euch und Dir ein schönes Kirchweihfest und möchte mich an dieser Stelle für den informativen Bericht bedanken.

    Helmut Schmaußer

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