Kalber Geschichte auf der Spur

Heimatforscherin Siglinde Buchner präsentiert in „Alt-Gunzenhausen“ neue Erkenntnisse zur mittelalterlichen Geschichte Kalbensteinbergs – zweiter Aufsatz handelt über die „Silberburg“

KALBENSTEINBERG – Ganz neue Forschungsergebnisse präsentiert die Kreisarchivpflegerin Siglinde Buchner im neuen Jahrbuch von „Alt-Gunzenhausen“. Gleich zwei Beiträge, die unter Zuarbeit von Dr. Daniel Schönwald und Thomas Müller entstanden sind, erhellen die mittelalterliche Geschichte von Kalbensteinberg und liefern einige überraschende Erkenntnisse.

Das Kloster Roggenburg

Buchner weist anschaulich nach, wie der Ort Kalbensteinberg im 12. Jahrhundert als Heiratsgut der Abenberger Gräfin Demutha an das um 1126 gegründete Kloster im Schwäbischen Raum gelangte. Da das Prämonstratenserkloster ca. 136 km von Kalbensteinberg entfernt liegt, musste eine besondere Beziehung zwischen dem Stifter der Güter, die im heutigen Mittelfranken liegen, und dem Kloster Roggenburg bestanden haben.

Die Mönchshöfe

Auch die drei ehemaligen Mönchshöfe, die etwa 1,5 km nordöstlich von Kalbensteinberg lagen und deren Überreste beim Bau einer Kirschenanlage in den 1980er Jahren ohne archäologische Untersuchung abgetragen wurden, können als Gründung des Klosters betrachtet werden. Die Bewohner müssten Personen des Klosters gewesen sein, d. h. Geistliche und „Klosterknechte“. Nach den Statuten der Prämonstratenser mussten die Mönche selbst für die Betreuung ihren eigenen Kirchen- und Pfarrgemeinden sorgen. Wenn aber die Kirche soweit vom Kloster (Roggenburg) entfernt lag, dass eine tägliche Rückkehr zum Kloster nicht möglich war, mussten die Mönche auch in ihren Pfarrsprengeln einen Tagesablauf wie im Kloster einhalten. Sie mussten sich selbst verpflegen, denn es war verboten, in den Häusern der Pfarrangehörigen zu essen oder diese zu Gastmählern einzuladen, und sie durften kein weibliches Personal haben. Deshalb wurden drei Mönchshöfe außerhalb von Kalbensteinberg erbaut und bewohnt.

Rund 280 Jahre später, im Jahr 1412, verkaufte das Kloster Roggenburg all seinen Besitz in Kalbensteinberg für 900 Gulden an die Grafen von Oettingen. Mit dem Verkauf endete auch die seelsorgerische Betreuung durch die Mönche, und die Leute des Klosters zogen von dannen. Die drei Mönchshöfe verfielen. 1447 wurden sie das letzte Mal erwähnt. Der Grund und Boden und die landwirtschaftlichen Flächen gingen an den 1451 neu erbauten Hof, Hsnr. 50/51 (heute Günter Ott ‚Ottnsima‘).

Weitere Grundherren

Doch wie Siglinde Buchner schlüssig zurückverfolgt, war das Kloster Roggenburg nicht alleiniger Grundherr in Kalbensteinberg. Nur etwa 2/3 der Anwesen lassen sich bis 1412 dem schwäbischen Kloster zurechnen. Im Laufe der Jahrhunderte teilten sich weit mehr Grundherren Kalbensteinberger Besitz, wie der Beitrag im Jahrbuch anschaulich beschreibt (siehe Grafik rechts).

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Die Herren Rieter vereinen Besitz

Bis heute zeigt sich ein Name als besonders prägend für die Geschichte des Ortes: jener der Nürnberger Patrizierfamilie Rieter, die 1437 in den Besitz eines Großteils des Dorfes kam. Doch dauerte es nochmal 162 Jahre bis sie zum alleinigen Dorfherr geworden waren: Erst Majoratsherr Hans IX. Rieter († 1626) verstand es, mit Geschick den Besitz zu vereinen: 1598 erwarb er die Eichstätter Höfe (Nr. 12/13, 19, 22, 40, 47) in Kalbensteinberg durch Tausch mit dem Bischof. Im gleichen Jahr handelte er mit dem Neuen Stift Spalt den Kauf der Schenkstatt (Nr. 2, heute Wolkersdorfer ‚Wirt‘) und des Nebengutes (Nr. 7, heute Fam. Beyer ‚Breier‘) aus und 1599 folgte schließlich der Kauf des Lentersheimischen Gutes (Nr. 30, heute Fam. Wißmüller ‚Wangeradel‘) wie die Kreisheimatpflegerin detailliert nachweisen kann.

Gewissenhafte Recherche

Siglinde Buchner hat die Quellen zur Kalbensteinberger Geschichte äußerst gewissenhaft recherchiert und führt die Stränge geschickt zu einem Gesamtbild zusammen. Dabei spannt sie den Bogen von der Gründung des Klosters Roggenburg 1126 bis zur Kirchenrenovierung durch Hans Rieter 1613 und streift dabei Kirchenbau, Ablassbriefe, Reformation und vieles weitere.

Dabei nimmt sie auch Stellung zur Frage: Gab es die „Kalwenberger“ tatsächlich, deren Wappenschild groß über dem Eingang der Rieter-Kirche prangt? Dabei rückt sie so manchem über Jahrhunderte gepflegten Mythos mit stichhaltigen Argumenten auf den Leib .

Die Autorin bezieht vor allem auch regionale und überregionale Entwicklungen und Konflikte in ihre Betrachtung mit ein, die sich auf den Ort auswirkten, wie im Falle der Silberburg und des Mönchshofs schlüssig erläutert wird. Auch zur Entwicklung von so manchem Anwesen im Ortskern lässt sich viel Überraschendes herleiten, wie die Geschichte über den „Steinernen Stock“ eindrucksvoll schildert.

Fazit: Nach der Ortschronik von Pfarrer Putz aus dem Jahr 1914 sind die beiden Beiträge eine längst überfällige Ergänzung zur Kalbensteinberger Ortsgeschichte sowie eine hervorragende Basis für alle weiteren Forschungen.

Das Jahrbuch Nr. 72 von Alt-Gunzenhausen ist im Gunzenhäuser Buchhandel erhältlich. Einige Exemplare sind auch in der Tourist-Information Absberg vorrätig (Tel. 09175/1710).

Thomas Müller

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Alt-Gunzenhausen, Jahrbuch Nr. 72/2018

Zwölf Autoren und dreizehn Beiträge – das ist die ganz knappe Zusammenfassung des Jahrbuchs „Alt-Gunzenhausen“. Es spricht – so Vorsitzender Werner Falk – für die Vitalität des 138 Jahre alten Vereins für Heimatkunde Gunzenhausen. Das Jahrbuch 72 gibt es seit wenigen Tagen auch im örtlichen Buchhandel. Es ist 280 Seiten stark. „Wir sind stolz darauf, dass unsere Autoren in fundierter Weise Einblick geben in die Facetten der Gunzenhäuser Stadtgeschichte“, sagt Werner Mühl-häußer, der Schriftleiter der renommierten Publikation.

Siglinde Buchner gibt „Einblicke in die Orts- und Kirchengeschichte von Kalbensteinberg bis 1613″. Demnach wird der Ort erstmals 1248 in einer Urkunde des Klosters Roggenburg (Schwaben) als „Steimberc“ nachgewiesen. Die Kirche und andere Anwesen gingen 1412 an den Grafen von Oettingen über. Noch heute präsentiert sich das Gotteshaus so, wie es der Nürnberger Patrizier Hans Rieter (IV.) 1464 neu erbaut hat.

„Der Burgstall Silberburg nordöstlich von Kalbensteinberg“ ist ein zweiter Beitrag von Siglinde Buchner betitelt. Er ist bisher nicht urkundlich belegt. Der Autorin, die ehrenamtliche Kreisarchivpflegerin ist, beschreibt einen Burgstall an der Flurgrenze zu Wernfels. Die Burg dürfte um 1050 erbaut worden sein, 1316 ist die „Silberburg“ zerstört worden. Die dortige Flur trägt seit 1563 diesen Namen.

 

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