Vom Brechen und Dörren

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Die ehemaligen Flachsbrechhäuser in Igelsbach und Kalbensteinberg.

IGELSBACH/KALBENSTEINBERG – Dem vor wenigen Jahren neu ausgewiesenen Igelsbacher Baugebiet westlich des Orts wurde der Name „Brechhaus“ gegeben. Mit der Bezeichnung kann man erstmal nicht viel anfangen. Die älteren Einwohner können sich noch an ein Gebäude erinnern, das dort stand. Bis zum Abriss wurde der profane Bau, auf den sich der Name bezieht, lange Jahre als Unterstellraum für den Leichenwagen (zur Überführung der Verstorbenen nach Gräfensteinberg) genutzt.(1) Was aber war die ursprüngliche Funktion eines solchen, etwas außerhalb des Ortes gelegenen Brechhauses?

Bis ins 20. Jahrhundert hinein spielte die blau blühende Nutzpflanze Flachs eine nicht unwesentliche Rolle. In Mittelfranken diente Flachsanbau vielfach zur Deckung des Eigenbedarfs an Leinen. Der Anbau sowie die Weiterverarbeitung des Flachses bis hin zur Leinenfaser ist ein sehr komplizierter, langwieriger Vorgang mit vielen Einzelschritten. Nach der Ernte im Juli/August müssen die holzigen Flachsstängel gedörrt (getrocknet) werden, um sie anschließend brechen zu können. D.h. die von der Hitze spröde gewordenen Holzteile der Stängel werden mit der Breche abgeschlagen.

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In den meisten Gegenden des Rezatkreises hatte man gewöhnliche Backöfen, in welchen der Flachs eingestoßen wurde, wenn vorher die Glut so sorgfältig als möglich herausgeputzt worden war. Dadurch wurde „schon manches Unglück angerichtet“, wie im „Handbuch der landwirthschafltichen Baukunst“ von 1825 erwähnt ist.(2) Nicht verwunderlich, dass die Obrigkeit durch Verordnungen dazu beitrug, dass in den Dörfern gemeinschaftliche Flachsbrechhäuser gebaut wurden. Diese sollen aufgrund der Feuergefährlichkeit „mehrere hundert Schritte von allen Wohngebäuden und Wäldern entfernt“ gebaut sein.(3)

„Auch die außerordentlich massive Bauweise trägt dem Rechnung“, weiß Konrad Bedal, ehemaliger Leiter des Freilandmuseums Bad Windsheim.(4)
Die zum Dörren nötige Hitze wird außerhalb in einem Schürhäuslein erzeugt, von dem ein Warmluftkanal in den Dörrraum führt. Die heiße Luft zieht durch die aufgeschichteten Flachsbündel und entweicht schließlich durch eine Rauchöffnung im Dach (und durch Fenster und Ritzen). Den richtigen „Zug“ im Kanal zu erreichen und keine Funken in den Dörrraum gelangen zu lassen, erforderte Geschick, denn schnell fängt der Flachs Feuer und brennt lichterloh.

Um die Brandgefahr, die durch das Dörren von Flachs ausging, sorgte sich auch die Rieterische Herrschaft im Nachbarort Kalbensteinberg, wie ältere Aufzeichnungen beweisen: 1727 erfolgte ein Verbot und Strafe von fünf Gulden auf das Dreschen in den Stuben „beym Licht“, dem „flachsbrechen“ oder „Rüben abdörren zu laßen“, wie Dorfrichter Gregor Steffan vermeldete.(5)

Generell schien man im Ort aber einen eher unbedenklichen Umgang mit Feuer zu pflegen: Bereits 1717 empörte sich der Majoratsherr Johann Ludwig Rieter über die Kalbensteinberger, da sie mit angezündeter „Tobakspfeiffe“ in die Ställe und Stadel gehen und Heu und Stroh heraustragen (wie er selbst gesehen habe). Daher verhängte er zehn Gulden Strafgebühr auf die Missachtung seines Verbots, eine Anzeige wurde mit zwei Gulden vom Strafgeld belohnt, Nichtanzeigen mit der gleichen Geldzahlung von zehn Gulden bestraft.(6) Im 18. Jahrhundert folgten mehrere amtliche Drucksachen mit Auflagen zur Verhütung von Feuer(7), in denen auf die Gefahr des „Flachsdörrens in Backöfen“ hingewiesen wurde.(8)

Da verwundert es nicht, dass dem damaligen Pfarrer Wagner der Brandschutz am Herzen lag. Im März 1803 machte er bei der Königlichen Kreisbehörde Gunzenhausen eine Eingabe zur Anschaffung einer Feuerlöschmaschine sowie zur Errichtung eines Brechhauses in Kalbensteinberg und verwies auf die „Widerspenstigkeit der Gemeinde“, bei der er „bisher kein Gehör gehabt“. Dies wurde von der Behörde zwar als löblich und notwendig erachtet, aus Kostengründen allerdings könne dies „nur nach und nach geschehen.“ In einem Schreiben von November 1803 hieß es dann jedoch, der Bau eines Brechhauses sei derzeit nicht möglich. Offenbar wurde für längere Zeit nichts daraus, denn auch das Urkataster von 1820 zeigt den Standort des späteren Flachsbrechhauses noch unbebaut.(9)

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Das heute noch erhaltene Kalbensteinberger Flachsbrechhaus, wegen seiner späteren Nutzung auch das „alte Feuerwehrhaus“ genannt, ist erst 1871 erbaut worden, damals noch außerhalb des Ortes auf Gemeindegrund.(10) Für den Bau wurden die massiven Quader der nördlichen Kirchhofmauer verwendet, wie Pfarrer Medicus in seiner Chronik schreibt.11 Auf dem Tor hat sich reliefartig eine mahnende Schrift erhalten, die aus der aktiven Zeit des Flachsbrechens stammen dürfte: „ZUTRITT Unbefugten verboten. Nicht rauchen. Kein Feuer. Kein offenes Licht.“

Thomas Müller

 

1 Staatsarchiv Nürnberg, Bauplanregister, 11/1951 Gemeinde Igelsbach: Viehwagenhausinstandsetzung, Unterstellraum für d. Leichenwagen

2 Michael Voit, Handbuch der landwirthschaftlichen Baukunst: Von der Eigenschaften einer guten Flachsdarre, München 1825

3 Christian Carl Andre Hesperus oder Belehrung und Unterhaltung, 1811, S. 267-268

4 Konrad Bedal „Häuser aus Franken – Museumshandbuch“, Fränkisches Freilandmuseum Bad Windsheim (1982/2007), S. 133-134

5 Pfarrarchiv Kalbensteinberg PfA103/019

6 PfA103/018

7 PfA103/027

8 PfA103/032

9 PfA103/014ff

10 Das daneben stehende Schulhaus entstand erst 1881, die anderen benachbarten Anwesen im 20. Jh.

11 PfA64/059; Anm.: Möglicherweise war die Kirchhofmauer zuvor sehr viel höher und trug dem Charakter einer Wehrkirche Rechnung.

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